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LASTENRÄDER ALS ERSATZ FÜR DIESELFAHRZEUGE?

Die Mitglieder der Raumausstatter- und Sattler-Innunng Berlin besuchen regelmäßig die Vollversammlung der Handwerkskammer Berlin. Wir profitieren stark von einem regen Austausch mit anderen Gewerken. Ein Thema der Vollversammlung im Oktober 2018 war das Dieselfahrverbot in bestimmten Bereichen der Innenstadt. Diese Fahrverbote sind für viele Menschen sehr ärgerlich. Für das Handwerk kann ein Fahrverbot jedoch existenziell sein.

 

Doch worum geht es eigentlich genau?

 

Berlin muss wie andere Städte auch die gesetzlich festgelegten Stickoxidgrenzwerte einhalten um die Gesundheit der Bevölkerung zu schützen. Da Dieselfahrzeuge zu den Hauptverursachern der Emissionen gehören, hat das Verwaltungsgericht Berlin für einige von ihnen Fahrverbote für einzelne Straßenabschnitte im Stadtgebiet angeordnet.

 

In Berlin sind die folgenden Straßen von einem Diesel Fahrverbot betroffen:

 

Leipziger Straße

Reinhardtstraße

Brückenstraße

Friedrichstraße

Kapweg

Stromstraße

Leonorenstraße

 

Die Ausweitung der Fahrverbotszonen wird vom Senat geprüft. Eine flächendeckende Fahrverbotszone, etwa entsprechend der Umweltzone, wird glücklicherweise vorerst nicht eingerichtet, da der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit nicht gewahrt wäre.

 

Betroffen von einem Fahrverbot sind alle Dieselfahrzeuge mit der Abgasnorm Euro 5 und älter. Aber auch Fahrer von modernen Euro 6 Dieseln, müssen mit einem Fahrverbot rechnen. Nämlich dann, wenn die Fahrzeuge im Realbetrieb trotz guter Messwerte deutlich zu hohe NOx-Werte haben.

 

Es ist sehr unwahrscheinlich, dass es Ausnahmeregelungen, z.B. für Handwerker geben wird. Einzig Notärzte und andere wichtige Fahrzeuge könnten hier von einer Ausnahmeregelung betroffen sein. Die Fahrverbote werden voraussichtlich ab Mitte nächsten Jahres (2019) in Kraft treten.

 

Das Urteil zum Dieselfahrtverbot sorgt also weiterhin für Diskussionen. Unumstritten ist, dass gesunde und saubere Luft wichtig ist und Autos die Luft verunreinigen.

 

Allgemein bekannt ist ebenso, dass der Politik die Problematik schon seit Jahren bekannt ist und sie diesem Thema nicht genug Beachtung geschenkt hat. Die Gefahr die von Stickoxiden ausgeht, wird nun nicht weiter ignoriert und ein Umdenken in der Gesellschaft findet aktuell statt. Das ist notwendig, um nicht nur die Berliner Luft wieder gesunden zu lassen.

 

Das vermeintliche Allheilmittel wird in Form von Fahrverboten präsentiert.  Der Dieseldreck soll ausgesperrt, die Schadstoffe dadurch reduziert und die Umwelt sauberer und gesünder werden.

 

Selbstverständlich will auch das Handwerk seinen Beitrag zur Luftverbesserung leisten.  Was bedeutet das Fahrverbot jedoch für die Branche? Diese Themen beschäftigen die Innungen deutschlandweit in allen betroffenen Ländern und Städten.

 

Wirtschaftlich gesehen ist das Fahrverbot für jeden Handwerksbetrieb eine Herausforderung, wenn nicht sogar ein teilweise existentielles Problem.

 

Die sofortige Umstellung auf „gesunde“ Fahrzeuge oder die Umrüstung auf andere Technologien ist mit nicht unwesentlichen Kosten verbunden. Teilweise ist sie auch technisch noch nicht umsetzbar.

 

Gibt es mögliche Alternativen?

 

Die Bundesregierung hat sich Gedanken gemacht und eine Idee aufgezeigt, die auch der Berliner Senat mit einem Förderprogramm für die Hauptstadt unterstützt.

 

Unter dem Motto: „ Berlin steigt um- Senat fördert Lastenräder“ macht sich die Berliner Senatsverwaltung auf ihrer Internetseite für den Einsatz selbiger Vehikel auf Berlins Straßen stark.

 

Werden zukünftig Fahrradfuhrparks die Innenhöfe der Berliner Handwerksbetriebe füllen und Handwerker durch die Berliner Innenstadt zu ihren Baustellen radeln?

 

Zugegeben, die Idee ist nicht neu. Schon 1896 kamen Lastenfahrräder im Postdienst zum Einsatz.

 

Wie kann man sich den Einsatz solcher Räder im Berlin des Jahres 2019 vorstellen?

 

In dem Transporter eines Handwerkers befinden sich, je nach Gewerk, die unterschiedlichsten Utensilien.

 

Ein Teppich, der verlegt werden soll, um zukünftig das Wohnzimmer einer Berliner Altbauwohnung zu verschönern, muss den Weg in diese Wohnung finden.

 

Nicht zu vergessen ist, dass einigen Arbeiten den Einsatz von mehr Personal benötigen.

 

Den fünf Meter langen Teppich alleine in den vierten Stock der Altbauwohnung zu tragen, dürfte schon herausfordernd sein.

 

Ein Klempner, der sich auf den Weg zu einer Badsanierung macht, benötigt unter anderem Werkzeug, Gasflaschen und das eine oder andere Rohr, nicht selten in einigen Metern Länge.

 

Ein Tischler, der die Arbeitsplatte einer Einbauküche aufgearbeitet hat, möchte diese auch wieder an deren Einsatzort zurück transportieren und dort einsetzen.

 

Häufig lässt sich der Inhalt eines Handwerkertransporters, selbst wenn er nicht meterweit über das Ende der Ladefläche hinausragt, nicht mit einem einzigen Rad alleine transportieren. Das bedeutet entweder Mehrfach – und gegebenenfalls auch Leerfahrten oder einen deutlich höheren Personal – und Lastenradbedarf.

 

Grundsätzlich mag der Transport einiger sperriger Güter mit einem Fahrrad durchaus möglich sein.

 

Wie realistisch ist es aber, einen fünf Meter langen Teppich in angemessener Zeit, vom Handwerker, der diesen nach der physisch und mental anstrengenden Tour durch das belebte Berlin auch noch verlegen muss, auf einem Cargobike zur Altbauwohnung zu transportieren?

 

Ist es dem Fahrer überhaupt möglich, sich derart beladen auf schmalen Radwegen und durch belebte Straßen zu bewegen, ohne Gefahr zu laufen mit Straßenlaternen, Fußgängern oder anderen Verkehrsteilnehmern, wie zum Beispiel dem Paketfahrer bekannter Internethändler, zu kollidieren?

 

Spontan könnte diese Vorstellung an Bilder aus außereuropäischen Ländern erinnern, in denen es aus Mangel an Autos notwendig ist, den gesamten Hausrat auf einem Fahrrad zu transportieren.

 

Die vorhanden Infrastruktur in unseren Städten lässt den nachhaltigen Einsatz von Lastenrädern derzeit nicht zu. Radwege sind zu schmal, Straßen noch nicht dafür ausgelegt. Noch fehlt es z.B. auch an ausreichend vorhandenen Depots, bei denen Räder ihre Waren aufnehmen können. Es bedarf grundsätzlich deutschlandweit einer besseren Infrastruktur.

 

Der Einsatz von Cargobikes ist derzeit keine flächendeckende und dauerhafte Alternative zum vierrädrigen Transporter für das Handwerk. Ein fünf Meter langer Teppich, eine Arbeitsplatte für die Küche, ein Malertisch oder ein Heizkessel werden sich auch zukünftig nicht mit einem Fahrrad transportieren lassen. Um weiterhin alle Dienstleistungen im Handwerk adäquat erbringen zu können, sind umsetzbare Lösungen gefragt, die sich an den Bedürfnissen der Branche, der Verbraucher und der Umwelt orientieren.

 

Wir möchten Sie ganz herzlich dazu einladen, mit uns über dieses Thema auf unserer Facebook Seite zu diskutieren: https://www.facebook.com/Berliner.Innung/

 

 

 

Foto: Liedtke Moderne Raumausstattung

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